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Übrig geblieben

Wir dachten, wir hätten noch so viel Zeit. Uns gehörte die Zukunft. Doch plötzlich war nicht mehr viel davon übrig. Was sollte damit geschehen?

Es gibt Entscheidungen im Leben, die möchte man nicht treffen müssen. Dies war so eine Entscheidung …

 

Angefangen hatte alles schon viel früher, schon kurze Zeit nachdem meine Frau und ich uns kennenlernten. Auf geradezu unheimliche Weise passte bei uns alles zusammen: Wir mochten dieselben Filme – vorwiegend altes Zeug von Hitchcock bis Rossellini –, lachten über dieselben Witze, hatten ähnliche Vorstellungen von einem gemeinsamen Leben. So kam es, dass sich weder unsere Familien noch die gemeinsamen Freunde über die Maße wunderten, als wir kurze Zeit später in unsere erste gemeinsame Wohnung zogen und nicht viel später bereits von Heirat sprachen. Einzig der Wunsch nach dem ersten eigenen Kind blieb unerfüllt. Nachdem wir anfangs noch mit einigem Humor über dieses Problem hinweggesehen hatten („Unfruchtbarkeit ist erblich!“ – ha, ha), entschieden wir uns nach über einem Jahr vergeblichen Wartens, über das wir zunehmend unzufriedener wurden, schließlich doch für eine ärztliche Untersuchung.

 

Es stellte sich heraus, dass das Problem bei mir lag – „verminderte Samenqualität“, wie uns der Arzt fachmännisch erklärte. Es gebe die Möglichkeit einer künstlichen Befruchtung „in vitro“ – außerhalb des Körpers. Diese Behandlung, so der Arzt weiter, sei allerdings mit erheblichen körperlichen und psychischen Belastungen für die Frau verbunden. Ich schluckte. Fakt war: Mein Sperma war qualitätsvermindert und nun sollte sich sie sich einer kräftezehrenden hormonellen Behandlung unterziehen!

Trotz meiner Bedenken war Katharina jedoch sofort zu diesem Schritt bereit – schließlich wollte sie Kinder mit mir.

„Dann kannst du ja ein paar Mal öfter aufstehen, wenn es die ganze Nacht durchschreit“, kommentierte sie gut gelaunt. Wenn sich meine Frau etwas in den Kopf setzte war jeder Widerstand zwecklos.

 

Der Termin zur Entnahme der Eizellen inklusive anschließender Befruchtung war an einem Montag; meine Frau starb am Dienstag.

Ein Autounfall, verursacht durch einen kurzen Moment der Unachtsamkeit. Alles ging sehr schnell und zog wie ein Film an mir vorbei: Der Leichenwagen, die Beerdigungsfeier, Tränen und mitleidige Blicke und dann unerträgliche Ruhe.

Einige Wochen später rief der Frauenarzt bei mir an und bat mich um ein persönliches Gespräch in seiner Praxis, da er eine Frage an mich habe, die er nicht am Telefon mit mir besprechen wolle.

Es ging um den Verbleib der ‚überzähligen Embryonen’, die bei der IVF, der In-Vitro-Fertilisation ‚angefallen’ waren und die man nach dem Erhalt der schrecklichen Nachricht – hier hielt der Arzt kurz in seinem Fachvortrag inne – zunächst kryokonserviert, das heist eingefroren hatte.

„Insgesamt stehen ihnen zwei Möglichkeiten offen, wie mit den befruchteten Eizellen weiter verfahren werden kann: Verwerfen oder verwerten. Momentan befinden wir uns zwar noch im Stadium der Grundlagenforschung. Mit Ihrer Embryonenspende könnten Sie hier aber möglicherweise langfristig einen Beitrag leisten, Leben zu retten. Allerdings respektiere ich es natürlich auch voll und ganz, wenn Sie ethische Bedenken haben und sich für eine Vernichtung der Embryonen entscheiden!“

 

Vernichten, verwerfen, verwerten, verbrauchen. Mir schwirrte der Kopf. Wie konnte dieser Mensch im weißen Kittel überhaupt so über etwas reden, das einmal unser Kind werden sollte, das vielleicht unser Kind geworden wäre? Andererseits: Katharina war tot. Und wenn die Freigabe der Embryonen für die Forschung tatsächlich einmal Leben retten könnte?

Ich war hin- und hergerissen …

 


Mögliche Aufgabenstellungen

  1. In der Geschichte muss der Ich-Erzähler die schwierige Entscheidung treffen, ob er die Embryonen zu Forschungszwecken freigibt oder nicht. Versetzen Sie sich in die Rolle eines guten Freundes, bei dem der Ich-Erzähler Rat sucht. Erwägen Sie gemeinsam mit dem Protagonisten, welche Gründe für oder gegen eine derartige „Spende“ sprechen könnten und ersinnen Sie einen fiktiven Dialog.
    Spielen Sie Ihren Dialog gemeinsam mit einem Partner.
  2. Erzählen Sie die Geschichte zu Ende. Achten Sie dabei darauf, dass die Gründe für die Entscheidung des Protagonisten deutlich werden (z.B. in einem Inneren Monolog, erlebter Rede oder einem Dialog).
  3. Ein paar Wochen nach dem Autounfall erscheint dem Ich-Erzähler seine Frau im Traum. Wozu rät sie ihrem Mann? Geben Sie in wörtlicher Rede wieder, was Katharina ihrem Mann sagt.
  4. Informieren Sie sich über die aktuelle Gesetzeslage zur Stammzellforschung: Wäre die in der Geschichte beschriebene Dilemmasituation in Deutschland überhaupt rechtlich möglich?
Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin Institut für Kirche und Gesellschaft der Evangelischen Kirche von Westfalen Centrum für Bioethik - Westfälische Wilhelms-Universität Münster Zentrum der Didaktik für Biologie - Westfälische Wilhelms-Universität Münster Universitätsklinikum Münster Bundesministerium für Bildung und Forschung