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Snowflake-Greetings

In seiner Forschung arbeitete Markus mit Abfallprodukten. Eine Begegnung mit einem Freund brachte dieses Weltbild jedoch ins schwanken.

Die Arbeit in seinem Forschungsgebiet hatte Markus immer als befriedigend und sinnvoll empfunden. Als er vor vielen Jahren mit seinem Biologiestudium begonnen hatte, war vor allem sein damaliges Hobby, die Tier- und Pflanzenbestimmung, ausschlaggebend für seine fachliche Orientierung gewesen.

Tatsächlich hatte er aufgrund seiner Mitgliedschaften bei Greenpeace und im Deutschen Naturschutzbund keinen ganz leichten Stand in seinem Jahrgang gehabt – man hatte ihn achselzuckend als ‚Freak’ akzeptiert und weitgehend in Ruhe gelassen.

Das änderte sich jedoch schlagartig, als Markus an die Uni kam. Schnell wurde ihm klar, dass Tier- und Pflanzenkunde nicht die Bereiche waren, auf die man sich bevorzugt spezialisierte – vielmehr standen hier zukunftsweisende Forschungszweige wie die Entwicklungs- und Molekularbiologie hoch im Kurs und waren mit einigen personalen und materiellen Ressourcen ausgestattet. Ohne es selbst lange zu reflektieren, bildete sich das Feld der Molekularbiologie als Markus Studienschwerpunkt heraus und in seiner Diplomarbeit beschäftigte er sich bereits mit der funktionellen Analyse bestimmter Zellentwicklungsprozesse. In seinem neuen Spezialgebiet war er keineswegs mehr der ‚Ökospinner’, sondern ergatterte aufgrund seiner herausragenden Studienleistungen schließlich ein Stipendium an einem renommierten Forschungsinstitut.

 

Während ehemalige Mitschüler sich mit Arbeitslosigkeit herumschlugen oder auf die Frage, wozu ihr Studium – gesamtgesellschaftlich gesehen – eigentlich gut sei, keine zufriedenstellenden Antworten geben konnten, leuchtete die von ihm gewählte Verbindung aus Medizin und Biologie unmittelbar ein: Markus erntete auf den regelmäßig stattfindenden Ehemaligentreffen manch neidischen oder auch anerkennenden Blick.

 

Was jedoch nicht jeder direkt beim ersten Small-Talk von Markus erfuhr, war, dass sich seine Forschungsgruppe mit der öffentlich viel diskutierten und auch umstrittenen Arbeit an embryonalen Stammzellen befasste. Mit der Zeit hatte Markus sich angewöhnt, den besorgten Nachfragen über mögliche Skrupel seinerseits stets mit derselben ‚Platte’ zu begegnen. Er ereiferte sich, das Embryonenschutzgesetz schränke massiv das wichtige Gut der Forschungsfreiheit ein, obwohl es sich bei seinen Forschungsobjekten effektiv lediglich um nicht überlebensfähige Zellhaufen handele, die bei künstlichen Befruchtungen als Abfallprodukt ‚anfallen’ würden. Er entschuldigte dann regelmäßig die Härte dieser Aussage, um im selben Moment zu versichern, dass dies seine tiefste Überzeugung sei. Für gewöhnlich waren potentielle Gesprächspartner zufrieden mit dieser Antwort, da sich die wenigsten eingehend mit dieser Frage beschäftigt und einen eigenen Standpunkt entwickelt hatten.

 

An einem verschneiten Nachmittag irgendwann im Januar bekam diese ‚Platte’ einen Sprung.

Markus war gerade auf dem Nachhauseweg, als ihm ein guter Bekannter begegnete, den er seit Jahren nicht mehr getroffen hatte. Man unterhielt sich über dieses und jenes; schließlich kam man auf den Job zu sprechen. Als Markus begann, über ‚embryonale Stammzellen’ zu referieren, veränderte sich der Gesichtsausdruck seines Gesprächspartners.

Markus versuchte es mit der gewöhnlichen Argumentationsstrategie: „Du musst dir einfach darüber bewusst sein, dass es sich bei den Stammzellen lediglich um überzählige, sogenannte Embryonen handelt, die nie das Licht der Welt erblicken werden.“

Wortlos zog der Bekannte sein Portemonnaie aus der Tasche, öffnete es und hielt Markus ein leicht zerknittertes Bild entgegen. Das kleine Mädchen auf dem Foto streckte stolz irgendeinen Pokal in die Kamera und grinste breit.

 

„Das ist meine Patentochter“, begann er. „Mein Bruder lebt schon seit Jahren in den USA. Er und seine Frau haben sich entschieden, einen, wie du es nennst, „sogenannten Embryo“ – ein snowflake-baby, wie man drüben sagt – aus einer künstlichen Befruchtung zu adoptieren, da dies der einzige Weg für die beiden war, ein Kind auf die Welt zu bringen.“

An diesem Abend ging Markus noch lange ziellos spazieren. Die Schneeflocken tanzten vor seiner Nase und schmolzen, sobald sie auf den Gehsteig fielen. Ihm kam in den Sinn, dass er neulich die Stellenausschreibung für ein Forschungsprojekt an der Universität gelesen hatte, das sich mit adulten Stammzellen befasste – Zellen, die sich nicht potentiell zu einem Menschen entwickeln konnten. Er überlegte …

 


Mögliche Aufgabenstellungen

  1. Spät am Abend telefoniert Markus mit seinem besten Freund Tobias und erzählt ihm von der Begegnung mit seinem Bekannten. Tobias stellt viele Fragen, um herauszubekommen, was der Kern des Konflikts ist und wie er Markus helfen kann.
    Geben Sie das Telefongespräch zwischen den beiden Freunden wieder.
  2. Informieren Sie sich über die Möglichkeit, sogenannte snowflake-babys zu adoptieren. Stellt dieses Verfahren eine realistische Option für den Umgang mit sogenannten „überzähligen Embryonen“ dar?
  3. Macht es Ihrer Meinung nach einen moralischen Unterschied, ob die embryonalen Stammzellen eigens zu Forschungszwecken gezüchtet bzw. hergestellt oder „überzählige Embryonen“ verwendet werden? Begründen Sie Ihre Meinung!
  4. Schreiben Sie einen plausiblen Schluss für die Geschichte. Wird Markus tatsächlich seine Arbeitsstelle wechseln? Falls nicht: Kann er die Entscheidung, weiterhin im Bereich der Stammzellforschung zu arbeiten, mit guten Gründen rechtfertigen?
Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin Institut für Kirche und Gesellschaft der Evangelischen Kirche von Westfalen Centrum für Bioethik - Westfälische Wilhelms-Universität Münster Zentrum der Didaktik für Biologie - Westfälische Wilhelms-Universität Münster Universitätsklinikum Münster Bundesministerium für Bildung und Forschung