Für Ausdruck sammeln Diese Seite per E-Mail empfehlenDiese Seite drucken

Keine Experimente mit meinen Kindern!

Als Sally an diesem Abend aus dem Büro nach Hause kam, spürte sie sofort, dass mit John etwas nicht stimmte. Er wirkte verstört. Aber im Gegensatz zu normalen Tagen erzählte er ihr nicht gleich, was geschehen war.

Erst als sie beide das Abendessen verzehrt hatten, räusperte er sich verlegen und zog einen Brief aus der Tasche.

„Der war heute in der Post. Von der Fertilitätsklinik.“

„Was wollen die denn“, fragte Sally irritiert zurück.

„Wir haben denen doch schon vor zwei Jahren mitgeteilt, dass wir keine weiteren Versuche mehr machen wollen, mit Hilfe der In-vitro-Fertilisation zu erreichen, dass ich schwanger werde. Mal abgesehen von den hohen Kosten. Ich hätte einfach keine weitere Runde mit Hormonspritzen, Eizell-Entnahme und Befruchtung mehr ertragen. Am schlimmsten war die Warterei, ob eine Schwangerschaft eintritt. Vier Versuche sind mehr als genug. Ich kann einfach nicht mehr!“

„Bitte beruhige Dich, Sally. Du weißt doch, ich habe mit Dir gelitten. Und die Entscheidung, keinen weiteren Versuch mehr zu machen, haben wir auch gemeinsam getroffen.“ Er zögerte, bevor er weitersprach.

„Nun… Die Klinik teilt uns jetzt mit, dass die überzähligen Embryonen – also die, die bei unseren Befruchtungsversuchen nicht verbraucht wurden und noch immer in flüssigem Stickstoff in der Klinik eingefroren sind, nicht mehr länger gelagert werden können. Wir sollen auf dem beigefügten Formular angeben, ob wir sie vernichten lassen wollen, oder“ – er zögerte wieder – „oder ob wir sie für die Embryonenforschung zur Verfügung stellen wollen. Wir sollen uns binnen 14 Tagen entscheiden.“

„Embryonenforschung?“ fragte Sally. „Was bedeutet das?“

„Nun, ganz genau weiß ich es nicht“, erwiderte John. „In dem Brief wird das nicht näher erläutert. Aber erinnerst Du Dich noch an den Bericht letzte Woche im Wissenschaftsmagazin im Fernsehen? Da ging es doch um Forschungen, die zur Entwicklung neuer Heilmethoden mit Hilfe von embryonalen Stammzellen dienen sollen. Aus diesen Zellen soll zukünftig Ersatzgewebe für Patienten gezüchtet werden, denen die Medizin bisher nicht helfen konnte. Diese embryonalen Stammzellen werden aus menschlichen Embryonen gewonnen, die bei der In-vitro-Fertilisation nicht mehr benötigt werden. Allerdings werden die Embryonen dabei zerstört.“

„Und dafür wollen die meine Kinder nehmen? Kommt gar nicht in Frage!“

„Aber Sally. Das sind nicht unsere Kinder. Nicht mehr. Wir haben sie doch aufgegeben.“

„Da hast Du recht. Aber deshalb müssen wir doch nicht zulassen, dass jemand in einem Labor damit Experimente macht.“

„Aber sie werden doch ohnehin jetzt aufgetaut und getötet. Wenn wir sie für die Forschung freigeben, hat ihr Tod doch zumindest noch einen Sinn. Vielleicht tragen sie ja dazu bei, eine unheilbare Krankheit zu heilen.“

„Ich will das auf keinen Fall, John. Immerhin hätten sie doch meine Kinder werden können, oder etwa nicht? Für mich ist das ein großer Unterschied, ob meine Embryonen aufgetaut werden und sterben müssen, ohne eine Chance zu bekommen, sich zu Babys weiterzuentwickeln, oder ob sie aufgetaut und zum Leben erweckt werden, um auf einem Labortisch zerstückelt zu werden. Ich finde, das ist Mord! Keine Experimente mit meinen Kindern!“

Und damit springt Sally vom Esstisch auf, rennt ins Schlafzimmer und wirft laut die Tür hinter sich zu.

 

Was sollen wir nur tun, fragt sich John gequält und blickt auf das Formular. Auch zwei Jahre nach dem letzten vergeblichen Versuch, schwanger zu werden, bringt dieser Brief Sally völlig aus der Fassung. Sie leidet noch immer unter der ungewollten Kinderlosigkeit. Aber diese unsere Embryonen sind in jedem Fall dem Tode geweiht. Ist es denn wirklich so verwerflich, sie für die Forschung freizugeben?

 


Aufgabenstellungen

  1. Setzen Sie den Dialog von Sally und John fort. Welche Argumente sprechen dafür, die Embryonen für die Forschung freizugeben? Welche Argumente sprechen dafür, die Embryonen sterben zu lassen?
  2. Überlegen Sie, ob es einen Ausweg aus diesem Dilemma gibt? Beschreiben Sie diesen Weg in Form eines Dialogs.
  3. Versetzen Sie sich in die Person Sally: Welche Gedanken gehen ihr durch den Kopf, wenn sie an die gefrorenen Embryonen denkt? Beschreiben Sie als Ich-Erzähler die Argumentation von Sally.
  4. Versetzen Sie sich in die Person John: Welche Gedanken gehen ihm durch den Kopf? Beschreiben Sie als Ich-Erzähler die Argumentation von John.
  5. Welche Entscheidung halten Sie persönlich für richtig? Begründen Sie Ihre Position.
Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin Institut für Kirche und Gesellschaft der Evangelischen Kirche von Westfalen Centrum für Bioethik - Westfälische Wilhelms-Universität Münster Zentrum der Didaktik für Biologie - Westfälische Wilhelms-Universität Münster Universitätsklinikum Münster Bundesministerium für Bildung und Forschung