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Somatische Gentherapie

Somatische Gentherapie bezeichnet Methoden, die Veränderungen des Genoms von Körperzellen eines geborenen Menschen herbeiführen und die die Heilung oder Linderung genetisch bedingter Erkrankungen zum Ziel haben.

Die somatische Gentherapie muss dabei von der sogenannten Keimbahn-Therapie unterschieden werden. Anders als bei der Keimbahn-Therapie, die die Veränderung von Keimbahnzellen, Keimzellen oder frühen Embryonen zum Ziel hat, können die durch somatische Gentherapie erzeugten Veränderungen der DNA nicht an Nachkommen vererbt werden. Bei der somatischen Gentherapie betreffen die Veränderungen im Erbgut also nur das behandelte Individuum selbst.

Vermeidung von Mutationen und fehlerhaften Genen

Die Grundlage dieses Ansatzes bildet die Erkenntnis, dass viele Krankheiten auf vererbte oder erworbene Veränderungen im Erbgut eines Menschen zurückgehen. Durch gentherapeutische Verfahren sollen solche Fehlinformationen behoben werden, indem gezielt Gene eingeschleust werden und Mutationen im Genom eines Menschen korrigiert oder fehlerhafte Gene ausgeschaltet werden.

Die Anwendung gentherapeutischer Verfahren kann dabei sowohl außerhalb des lebenden Organismus (in vitro) als auch im lebenden Organismus (in vivo) erfolgen. Während die gentechnisch veränderten Zellen bei der extrakorporalen Methode wieder zurück in den Körper reimplantiert werden, erfolgt die genetische Veränderung bei der in vivo-Methode in den Zellen vor Ort.

Meist wird die DNA-Kopie mit der gewünschten Gensequenz mithilfe eines Vektors z.B. eines Viruspartikels in die Zellen geschleust.

Genom-Editierung ohne Virus-Vektoren

Mit der noch recht neuen CRISPR/Cas9-Technik der Genom-Editierung lassen sich DNA-Veränderungen zukünftig wahrscheinlich auch ohne die Verwendung von Vektoren einfach, effektiv und zielgenau durchführen. Das Potenzial von auf CRISPR/Cas9 beruhenden Verfahren wird daher für die somatische Gentherapie als sehr hoch eingeschätzt.

Vielversprechend scheint ihr Einsatz insbesondere bei monogenen Erkrankungen wie z.B. bei Immundefekten oder bei der Cystischen Fibrose, eventuell aber auch bei der Chorea Huntington oder Muskeldystrophie Typ Duchenne.

Ethische Bedenken

Anders als die Keimbahn-Therapie wird die somatische Gentherapie vielfach als einfache „Erweiterung“ gängiger Behandlungsmethoden der Medizin betrachtet. Ethische Bedenken gegen die somatische Gentherapie richten sich deshalb in erster Linie auf die mit ihr verbundenen Unsicherheiten und Risiken.

 

An erster Stelle ergeben sich aus einem gentechnischen Eingriff unmittelbare Risiken für den hier und jetzt behandelten Patienten. So ist beispielsweise nicht vollständig vorhersehbar, wie sein Körper auf die eingebrachten Vektoren – meist handelt es sich dabei um Viren – mit einer Immunreaktion antwortet.

 

Auch ist zum Beispiel nur äußerst schwer sicherzustellen, dass der Eingriff einerseits seinen gewünschten Zielort auch tatsächlich erreicht und dort andererseits nur die gewünschten Zielzellen verändert und es nicht zu unbeabsichtigten Nebenwirkungen kommt.

 

Auch wenn man sich hier speziell vom Einsatz moderner Verfahren der Genom-Editierung deutliche Verbesserungen verspricht, müssen solche Risiken wie bei jeder medizinischen Behandlungsmethode sorgfältig gegen den medizinischen Nutzen und mögliche Alternativen der somatischen Gentherapie abgewogen werden. Das ist auch deshalb wichtig, weil Patienten nur mit dieser Kenntnis eine selbstbestimmte Entscheidung über den Einsatz der somatischen Gentherapie treffen können.

Mögliche Risiken für Dritte

Darüber hinaus können sich aus dem Einsatz der somatischen Gentherapie auch Risiken für Dritte ergeben. Unbeabsichtigt könnte es zum Beispiel zu einer Freisetzung oder einer ungewollten Übertragung der genetischen Veränderung auf die Keimzellen kommen, die dann an künftige Generationen vererbt würde. Die somatische Gentherapie könnte damit ungewollt zum Türöffner für die Keimbahn-Therapie werden, die in Deutschland nach §5 des Embryonenschutzgesetzes verboten ist.

Das befürchten auch andere Kritiker, in deren Augen uns der Einsatz der somatischen Gentherapie beim Menschen auf die Schiefe Bahn bringen könnte. Wer die Anwendung gentechnischer Verfahren am Menschen erst einmal zulässt, der öffne damit auch die Tür zu einer schleichenden Akzeptanz oder sogar offenen Legitimierung der Keimbahn-Therapie. Gerade wirkungsmächtige Instrumente wie die neuartige CRISPR/Cas9-Methode ließen solche tiefgreifenden Veränderungen des menschlichen Erbguts, so warnen sie, auch technisch immer näher rücken.

 

An dem Übergang von der somatischen zur Keimbahn-Therapie stellen sich jedoch neue und wichtige ethische Fragen, die unter dem Eindruck der prinzipiellen Erlaubnis einiger gentechnischer Verfahren untergehen könnten. Die stärkste Konsequenz aus solchen Überlegungen ziehen letztlich die Vertreter eines genetic integrity-approach: Gentechnische Eingriffe in das menschliche Erbgut lehnen sie kategorisch ab, weil die „menschliche Natur“ besonderen Schutz verdiene und vor tiefgreifenden „künstlichen“ Manipulationen bewahrt werden solle.



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