Für Ausdruck sammeln Diese Seite per E-Mail empfehlenDiese Seite drucken

Unterrichtseinheit zur Dilemma-Methode

Hier beschreiben wir den Verlauf einer Dilemma-Unterrichtseinheit, die mit Oberstufenkursen im Biologieunterricht anhand des Dilemmas „Querschnittslähmung“ erprobt worden ist.

Ziel der Unterrichtseinheit ist die Förderung ethischer Urteilskompetenz im Kontext der Stammzellforschung. Zentraler Bestandteil der vorliegenden Unterrichtseinheit ist eine Plenumsdiskussion.

Sie wird durch eine ausführliche Analyse des Dilemmas in Kleingruppen vorbereitet. Die Einheit umfasst ca. drei bis vier Unterrichtsstunden. Als Hintergrundinformationen legen wir Ihnen zuvor noch unseren allgemeinen Text zur Förderung ethischer Urteilskompetenz im Unterricht ans Herz, bevor es hier ganz konkret wird.

 

Die erste Stunde der Unterrichtseinheit dient der Vermittlung von nötigem Basiswissen, dann folgt die Dilemma-Analyse (Stunde zwei bis drei) und schließlich die Diskussionsrunde. Begleitend zur Unterrichtseinheit kann ein Arbeitsblatt eingesetzt werden, dass sich leicht für Ihre Zwecke modifizieren läßt.

 

Erste Unterrichtsstunde: Vermittlung von Basiswissen zu Stammzellen

 

In dieser Stunde wurde Basisfachwissen vermittelt. Das kann je nach Vorwissen durch einen Lehrervortrag, fragend-entwickelnden Unterricht oder durch Referate der Schülerinnen und Schüler erfolgen. Darüber hinaus wurde angekündigt, dass am Ende des Projekts eine Diskussionsrunde zum Thema Stammzellforschung stattfindet. Biologische Inhalte, die den Schülerinnen und Schülern dafür bekannt sein sollten, sind: Definition Stammzellen, unterschiedliche Typen von Stammzellen sowie die  Entstehung, die Gewinnung und das Potenzial von Stammzellen und schließlich Möglichkeiten und Hoffnungen der Forschung.

Materialien und Tipps dazu finden Sie hier.

Zweite/dritte Unterrichtsstunde: Analyse einer Dilemmasituation

  1. Die Schülerinnen und Schüler erhalten den Auftrag, die Dilemmageschichte "Querschnittslähmung" zu lesen. Hinweis: Der Beschreibung der Dilemmasituationen ist eine exemplarische Dilemmadiskussion beigefügt. Spontane Meinungsäußerungen der Schülerinnen und Schüler können bereits vor der weiteren Analyse der Situation durch eine erste Abstimmung festgehalten werden. Weitere Abstimmungen  folgen nach der Definition des Dilemmas und nach Abschluss der Einheit. Anhand solcher Abstimmungen lassen sich interessante Entwicklungen verfolgen , die aus der genauen Analyse der Situation resultieren. Wir empfehlen, die Abstimmungen geheim durchzuführen, z. B. per Handzeichen mit geschlossenen Augen. 
  2. Aushändigung des Arbeitsblatts (AB). Das Dilemma wird im Plenum definiert und die Schülerinnen und Schüler erläutern mögliche Handlungsoptionen. Ergebnisse werden an der Tafel und auf dem AB gesichert.
  3. Probeabstimmung zur Positionsbestimmung bzgl. der verschiedenen Handlungsoptionen mit verschlossenen Augen. Ergebnissicherung auf Tafel und AB.
  4. Einteilung der SuS in mehrere homogene Kleingruppen bzgl. der Entscheidung in der Abstimmung, Gruppengröße: 3-4 Leute.
  5. Arbeitsauftrag an die SuS: „Bearbeiten Sie die weiteren Punkte des Arbeitsblattes in der Kleingruppe!“ Hier folgt nun eineausführliche Auseinandersetzung mit Argumenten und den zugrundeliegenden Werten und Normen. Die Schülerinnen und Schüler sollten dazu pro Kleingruppe weiteres Informations- und Stimulusmaterial erhalten. Es enthält Hintergrundinformationen mit Auszügen aus dem Embryonenschutzgesetz und dem Stammzellgesetz, Statements berühmter Persönlichkeiten und von Vertretern verschiedener Institutionen zur Stammzellproblematik, biologisches Fachwissen in Form eines Nachschlagewerks und Informationen zu ethischen Denktraditionen. Die Schülerinnen und Schüler sollten die Materialien zur Analyse des Dilemmas problemorientiert und selbstständig heranziehen.

Dritte/vierte Unterrichtsstunde: Diskussion und Abschlussabstimmung

  1. Die Schülerinnen und Schüler erhalten ca. 5 Minuten Zeit, um sich gegebenenfalls in den Kleingruppen zu beraten.
  2. Diskussionsrunde im Stuhlkreis.
    Moderationsregel: Der, der als Erster Gesprochen hat ruft danach jemanden aus der Gegnergruppe auf. Zwei SuS sichern die genannten Argumente in Stichpunkten an der Tafel, eingeteilt nach Position. Die Diskussion endet, wenn keine neuen Argumente mehr genannt werden.
  3. Abschlussabstimmung mit verschlossenen Augen.
    Sicherung des Ergebnisses an der Tafel und Vergleich mit den Probeabstimmungen.
  4. Reflexion im Plenum (Ggf. Hausaufgabe).
    Kriterien: Welchen Einfluss hatte die Unterrichtseinheit auf Deine Meinungsbildung? Was war nützlich? Was hat Spaß gemacht, was nicht? Dadurch soll der Nutzen einer Strukturierten Analyse von Dilemmasituationen thematisiert werden.

Erfahrungen beim Einsatz der Unterrichtseinheit

Unsere Erprobungen zeigten, dass die explizite Beschäftigung mit der Gegenposition als Vorbereitung zur Diskusisonsrunde die Argumentationsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler verbessert und zu einer lebhaften Diskussion führt.

Außerdem ermittelten wir, dass die Schülerinnen und Schüler unserer Erprobungsklassen (Klassenstufe 11) der Unterrichtseinheit überwiegend eine hohe Wertschätzung entgegen brachten. Sie wurde als "persönlich ergiebig" wahrgenommen. Das hat sich auch in Form eines hohen persönlichen Engagements gezeigt. Die Schülerinnen und Schüler wünschten sich zudem mehr Unterricht dieser Art. Die Informationsmaterialien, die auf zellux.net präsentiert werden, wurden gut angenommen. Insbesondere die Beschäftigung mit unterschiedlichen Argumenten, z. B. zum "Status des Embryos", trug zu einer lebhaften und interessanten Diskussion bei. Das sind wichtige Voraussetzungen für die Lernwirksamkeit der Unterrichtseinheit.

Kommentare von Lehrkräften

Bei der Erprobung wurde die Unterrichtseinheit auch von den beteiligten Biologielehrkräften sehr positiv wahrgenommen. Im Rahmen des Projekts zellux.net wurde die Unterrichtseinheit weiteren Biologie- Philosophie- und Religionslehrkräften vorgestellt. Dabei wurde eine Reihe weiterer Anregungen gegeben, die hier als Empfehlungen einzelner Lehrkräfte zur eigenen Inspiration unkommentiert vorgestellt werden:

  • Es wurde angeregt, der Bearbeitung der ethischen Aspekte mehr Zeit einzuräumen. Beispielsweise wurde empfohlen, das Thema „Ab wann beginnt menschliches Leben“ vorher im Unterricht ausführlich zu behandeln.
  • Für die Unterrichtseinheit wurde eine fächerübergreifende Zusammenarbeit des Religions- Philosophie und Biologieunterrichts vorgeschlagen.
  • Die Sortierung der Werte nach ethischen Traditionen wurde bezüglich des Nutzens für den Unterricht kritisch betrachtet. Alternativ dazu wurde eine intensivere Beschäftigung mit den Argumenten der Gegenseite, beispielsweise durch Bildung einer Rangfolge bezüglich der Überzeugungskraft vorgeschlagen.
  • Aufgrund des engen Zeitrahmens im Fach Biologie wurde eine Verwendung der Unterrichtseinheit im Rahmen einer Projektwoche empfohlen.
  • Möchte man die Unterrichtseinheit im Fach Philosophie anwenden, so bietet es sich an, folgende Themen zuvor im Unterricht zu behandeln: 1. Grundlegende Merkmale einer ethischen Argumentation, 2. Unterschiede zwischen normativer Ethik und Methaethik, 3. Das "Sein -sollen Problem" und den naturalistischen Fehlschluß. Diese Vorgehensweise wurde in der Klassenstufe 11 erfolgreich erprobt.
  • Aus der Sicht von Lehrkräften des Fachs Philosophie erscheint es sinnvoll, sich zuvor auch intensiver, als in dieser Unterrichtseinheit möglich, mit verschiedenen Ethiktraditionen "Deontologie" und "Konsequentialismus" zu beschäftigen.

 

Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin Institut für Kirche und Gesellschaft der Evangelischen Kirche von Westfalen Centrum für Bioethik - Westfälische Wilhelms-Universität Münster Zentrum der Didaktik für Biologie - Westfälische Wilhelms-Universität Münster Universitätsklinikum Münster Bundesministerium für Bildung und Forschung