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Der Islam

Der Islam kennt keine übergeordnete religiöse Autorität. Maßgeblich sind der Koran, nach muslimischer Auffassung das direkt an Muhammad überlieferte Wort Gottes, die Sunna, die als vorbildlich erachteten Aussagen und Taten Muhammads und der ersten Muslime sowie die Jurisprudenz.

Rechtsgelehrte bilden sich eine Meinung zu dem jeweils anstehenden Problem aus dem Studium des Korans und unter Hinzuziehung der Äußerungen anerkannter Schriftgelehrten. Das gilt auch für die ethische Statusbestimmung des Embryos und in der Frage der Nutzung embryonaler Stammzellen. Entscheidend dafür ist der Zeitpunkt der „Beseelung“ des Embryos durch Gott (Allah).

Ein Berechnungsbeispiel für den Zeitpunkt der Beseelung, das auf die Koran-Sure 23 (Verse 12-16) Bezug nimmt, findet sich in folgendem Hadith:

„Wahrlich, die Schöpfung eines jeden von euch wird im Leibe seiner Mutter in vierzig Tagen (als Samentropfen) zusammengebracht; danach ist er ebenso lang ein Blutklumpen; danach ist er ebenso lang ein kleiner Fleischklumpen. (...) Dann haucht er ihm die Seele ein.“

Fötus schützenswert vom Beginn seiner Beseelung

Obwohl es im Koran dazu selbst keine genauen Angaben gibt, hat sich in der Tradition je nach Richtung als Zeitpunkt der 40., 80. oder 120. Tag herauskristallisiert. So führt etwa Dr. Sadek Beloucif, Mitglied des französischen Nationalen Ethikrates auf der Jahrestagung des deutschen Nationalen Ethikrates im Oktober 2003 aus, der Fötus gelte im Islam als schützenswert vom Beginn seiner Beseelung an. Dieser Zeitpunkt sei für die meisten Rechtsgelehrten der 40. Tag. Für andere beginne das Leben aber bereits mit der Zeugung.

Letztere Auffassung legt auch der der bei der International Conference on Islamic Medicine 1981 in Kuwait verabschiedete „Islamic Code of Medical Ethics“ nahe. Da heißt es etwa im 8. Kapitel: „The sanctity of human life covers all its stages including intrauterine life of the embryo and fetus. This shall not be compromised by the Doctor save for the absolute medical necessity recognised by Islamic Jurisprudence. Gemäß der „Heiligkeit menschlichen Lebens“ kommt dem Embryo eine gewisse Schutzwürdigkeit zu.

Keine Aussagen macht das Papier allerdings dazu, wie durch künstliche Befruchtung außerhalb des Mutterleibes erzeugte Embryos zu sehen sind und wie mit diesen zu verfahren ist. Islamische Gelehrte etwa aus Saudi-Arabien und Pakistan haben diese Frage für sich beantwortet und lehnen jede Forschung am Embryo strikt ab. Sie können sich dabei unter anderem auf die zur Organization of Islamic Conference (OIC), der größten zwischenstaatlichen Organisation der islamischen Welt, gehörende Islamic Fiqh Academy (IFA) berufen. Diese hat ausgeführt: „Wenn ein Überschuss an befruchteten Eizellen auf irgendeine Weise entsteht, so werden sie ohne medizinische Hilfe gelassen, bis dass das Leben jenes Überschusses auf natürliche Weise endet.“ Die Anfang der 80er Jahre in Kuwait gegründete Islamic Organization of Medical Sciences (IOMS) empfiehlt Ärzten darum, „einen Überschuss an befruchteten Eizellen zu vermeiden“ und sich bei der Befruchtung „auf die bei der einzelnen Behandlung nötige Anzahl“ zu beschränken.

Andererseits wird in den einschlägigen Dokumenten der IOMS und der eben zitierten IFA betont, dass der künstlich erzeugte Embryo vor seiner Einnistung in die Gebärmutter „keinerlei Würdeschutz aufgrund der Scharia besitzt“, weshalb es für seine „Hinrichtung“, wie es wörtlich heißt, keinen Hinderungsgrund gebe.

Nutzung embryonaler Stammzellen kein Widerspruch zum Glauben

So sehen viele Muslime in der Forschung an Embryonen und in der Nutzung embryonaler Stammzellen keinen Widerspruch zu ihrem Glauben. Die „First International Conference on Bioethics in Human Reproduction Research in the Muslim World“ im Jahr 1991 und „The Fiqh Council of North America“, das aus in den USA lebenden Medizinern, Rechtsgelehrten und Islamwissenschaftlern besteht, im Jahr 2001, argumentieren mit dem Begriff „Prä-Embyro“ und plädieren für eine Forschung mit Embryonen, die nach einer In-vitro-Fertilisation (IVF) übrig geblieben sind. Ganz pragmatisch stellen sie fest, es sei sinnvoller, diese Embryonen und demzufolge auch embryonale Stammzellen für Forschungszwecke zu nutzen als sie wegzuwerfen.

In der Stellungnahme der 1991er Konferenz heißt es: „The excess number of fertilized eggs (pre-embryo) can be preserved by cryopreservation. […] These pre-embryos can be used for research purposes on methods of cryopreservation provided a free and informed consent is obtained from the couple.“ (Serour / Omran 1992, 30-31; Serour 1997, 171-188)

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