Kontinuumsargument

Der Grundgedanke des Kontinuums-Argumentes besteht in der Behauptung, jeder Versuch, einen Zeitpunkt in der Entwicklung eines Menschen zu definieren, ab dem er schutzwürdig ist, sei willkürlich.

In den Debatten um die Gewinnung von humanen embryonalen Stammzellen – aber auch um die Präimplantationsdiagnostik oder den Schwangerschaftsabbruch – spielt das Kontinuumsargument, eines der sog. SKIP-Argumente, eine wichtige Rolle. Viele, die menschlichen Embryonen einen intrinsischen moralischen Status zuschreiben, sehen dafür in dem Umstand, dass der menschliche Entwicklungsprozess ein kontinuierlicher Vorgang ist, der keine scharfen Einschnitte aufweist, eine entscheidende Begründungsbasis. Das Kontinuumsargument behauptet, dass jedem menschlichen Lebewesen aus diesem Grund bereits mit dem Beginn der embryonalen Entwicklung Würde und Lebensschutz zukommt.

Einwände gegen das Kontinuumsargument

Kritikerinnen und Kritiker wenden gegen das Kontinuumsargument typischerweise ein, dass es auf einem Fehlschluss beruhe: Dass ein Vorgang ein Kontinuum darstellt, also keine „Sprünge“ macht, bedeutet keineswegs, dass man keine gut bzw. willkürfrei begründeten „Einschnitte“ machen könnte. So sind wir beispielsweise durchaus in der Lage, zwischen einem Sandkorn und einem Sandhaufen zu unterscheiden – auch wenn niemand sagen kann, welches einzelne Sandkorn aus der Ansammlung von Sandkörnern einen Sandhaufen macht. Ebenso sind wir in der Lage, zwischen Tag und Nacht zu unterscheiden – auch hier kann niemand den genauen Moment nennen, an dem die Nacht aufhört und der Tag beginnt. Warum also, so die Kritikerinnen und Kritiker, sollten wir nicht zwischen frühen Phasen in der Embryonalentwicklung, in denen menschliche Embryonen noch keinen moralischen Schutz genießen, von späteren Phasen unterscheiden, in denen sie einen solchen Schutz verdienen – auch wenn wir nicht genau sagen können, wann der „entscheidende Moment“ ist?

 


Tiefergehende Informationen

Zum Weiterlesen:

 

Merkel, Reinhard (2001): Rechte für Embryonen? Die Menschenwürde läßt sich nicht allein auf die biologische Zugehörigkeit zur Menscheit gründen. - in: Geyer, Christian (Hrsg.): Biopolitik. Die Positionen. - Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M., S. 51-64.

 

Gregor Damschen, Dieter Schönecker (Hg.). Der moralische Status menschlicher Embryonen. Berlin, New York 2003. Das Buch behandelt alle SKIP-Argumente. Zu jedem Argument wird sowohl eine Pro- wie auch eine Contra-Position entwickelt.

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