Frühe Embryonen können noch nichts fühlen oder gar denken. Aber sie werden es einmal können. Müssen wir sie deshalb nicht besonders schützen?

Viele, die menschlichen Embryonen Würde- und Lebensschutz zuschreiben, sehen dafür in deren Potential eine, wenn nicht überhaupt die entscheidende Begründungsbasis. Sie sind der Auffassung, dass dem menschlichen Embryo Würde und Lebensschutz um seiner selbst willen zukommt, weil er sich zu einem geborenen Menschen – mit dann vollem moralischem Status – entwickeln könne.

 

Von anderen Ethikerinnen und Ethikern wird dagegen gehalten, dass gerade das Potential nicht als Gradmesser für moralische Relevanz dienen kann. Sie fragen zum Beispiel, ob es wirklich plausibel ist, dem Embryo dieselben moralischen Schutzansprüche zuzuerkennen wie dem erwachsenen Menschen, der unter glücklichen Umständen aus ihm hervorgehen wird? Schließlich würden wir dies in anderen Fällen auch nicht tun. Beispielsweise verwenden wir Kastanien ohne Skrupel als Futtermittel oder als Bastelmaterial; räumen ihnen also üblicherweise gerade nicht den gleichen Schutz ein, den wir Kastanienbäumen zuerkennen. Warum sollte es bei menschlichen Embryonen anders sein? Darüber hinaus fragen sie, ob nicht auch Ei- und Samenzellen das Potential besitzen, sich unter geeigneten Umständen zu einem Kind bzw. zu einem erwachsenen Menschen zu entwickeln? Muss man also auch Ei- und Samenzelle vor der Verschmelzung oder auch sog. Vorkernstadien schützen? Und schließlich fragen sie, um welches Potential es eigentlich genau geht, das hier gemeint ist? Dass etwas die „Vorstufe“ für etwas anderes ist, bedeutet ja nicht in jedem Fall, dass der Wert der „Vollstufe“ auf diese „abstrahlt“. Das noch im Entstehungsprozess befindliche Auto, der designier­te König oder der künftige Führerscheinbesitzer: sie alle haben nicht den Wert oder Status dessen, was erst noch aus ihnen wird oder werden könnte. Warum sollte dies bei menschlichen Embryonen anders sein?

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